Strategischer Konsum – Die „Qual der Wahl“ oder die „Wahl der Qual“

Der Erfolg und das Bestehen von Unternehmen am Markt sind davon abhängig, dass Konsumenten bestimmte Waren kaufen. Auf diesem einfachen Zusammenhang basiert das Konzept des strategischen Konsums: Verbraucher haben die Möglichkeit, durch ihren Einkauf darüber abzustimmen, welche Unternehmen am Markt bestehen sollen und welche ausgeschlossen werden. Im Idealfall orientiert sich dabei die Kaufentscheidung des Verbrauchers nicht allein am Preis eines Produktes, sondern auch an sozialen und ökologischen Überlegungen.

Theoretisch würde das einer demokratischen Entscheidung entsprechen. Bürger stimmen mit dem Geldbeutel darüber ab, welches Unternehmen für seine Leistungen entlohnt wird. Voraussetzung dafür ist allerdings das Wissen darüber, welches Unternehmen hinter welchem Produkt steht. Die scheinbar so große Auswahl an verschiedenen Marken, vor allem im Bereich der Nahrungsmittel, reduziert sich sehr schnell auf einige wenige Konzerne, die hinter den Produkten stehen.

Twix statt Snickers? Mövenpick statt Nestlé? Orbit statt Wrigley‘s? Für den strategischen Konsum haben diese Entscheidungen keine Auswirkungen wie die Grafik zeigt. Besonders Im Bereich der verarbeiteten Lebensmittel wird der Markt unter wenige multinationalen Unternehmen aufgeteilt. Hat man also wirklich noch die Wahl?

Zumindest kann man eine ganz einfache Regel befolgen: nichts kaufen, wofür im Fernsehen geworben wird.

Essen lernen mit Michael Pollan

Ernährungsratgeber gibt es viele: Pseudowissenschaftliche Artikel plädieren für die „Steinzeit-Diät“, Nestlé präsentiert in seinem Online-Ernährungsratgeber Ernährungstipps für Kinder und Ideen für sportlich Aktive und Amazon verkauft Bücher über die „50 besten Lebensmittel für Ihre Gesundheit“. Ohne einem der oben genannten Veröffentlichungen seine Berechtigung absprechen zu wollen </Ende juristischer Einschub>, verbietet es einem oft schon der gesunde Menschenverstand, den komplizierten, teilweise weltanschaulich anmutenden Anweisungen zu folgen.

Nichtsdestotrotz sei an dieser Stelle auf die Veröffentlichungen des US-amerikanischen Journalisten und Professors Michael Pollan hingewiesen. Im Gegensatz zu anderen Ratgebern beschränken sich die Hinweise von Pollan auf einfache, einleuchtende und selbstverständlich klingende Richtlinien. Hilfreich ist dabei allerdings, das eigene Verhalten auf die Pollan-Diät hin zu überprüfen. Einige seiner Richtlinien lauten:

  • Iss frische Lebensmittel!
  • Iss nicht zu viel!
  • Iss immer an einem Tisch!
  • Vermeide Nahrungsmittel mit Inhaltsstoffen die
    a) dir selbst unbekannt sind!
    b) unaussprechbar sind!
    c) mehr als fünf an der Zahl sind!
  • Vermeide Nahrungsmittel, die gesundheitsbezogene Versprechen machen!
  • Zahle mehr, iss weniger!
  • Vermeide Lebensmittel, die du aus der Fernsehwerbung kennst!

Die Kritik an der Lebensmittelindustrie ist bei Pollan tief verwurzelt. Würde man seine Vorgaben auf die oben genannte Nestlé-Diät anwenden, bliebe wahrscheinlich kaum etwas zum Verzehr übrig. Unter dem schönen Titel „Essen Sie nichts, was ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“ sind die Grundregeln von Michael Pollan auch in Buchform erschienen. Trotz Ratgebern, Tipps und Hinweisen soll dabei aber Essen hauptsächlich Spaß machen. Dabei kann es auch einmal passieren, dass die besten Regeln gebrochen werden müssen.

Bhutan und das Märchen vom gebrannten Kind

Vermutlich haben sich die meisten von uns schon einmal den Satz „ein gebranntes Kind scheut das Feuer“  anhören müssen. Eltern versuchen damit auszudrücken, dass jeder Mensch seine eigenen Fehler machen muss und daraus individuelle Lehren zieht. Doch das muss nicht so sein, wie das südasiatische Königreich Bhutan unter Beweis stellt:

Aus der Sicht industrialisierter Wohlstandsnationen wird Entwicklungsländern oftmals der eine oder andere Fehltritt auf dem Weg zum modernen Industriestaat zugestanden. Die Ziele der internationalen Wettbewerbsfähigkeit scheinen enorme Ressourcenverschwendungen, Umweltverschmutzung und soziale Ausbeutung zu heiligen. „Wir haben damals schließlich die gleichen Fehler gemacht und können anderen diese Erfahrung nun nicht verwehren“, hört man es aus den Industrieländern antworten (Dabei sei allerdings angemerkt, dass wir diese Fehler bisher ebenso wenig überwunden haben).

Das Königreich Bhutan verfolgt einen anderen Ansatz und will zumindest die Fehler der westlichen industriellen Landwirtschaft nicht wiederholen. Aus diesem Grund hat die Regierung von Bhutan zuletzt Pläne veröffentlicht, nach denen der Verkauf von Herbiziden und Pestiziden in dem Land verboten werden soll. Die Landwirtschaft soll sich auch angesichts einer wachsenden Nachfrage auf die Verwendung organischer Dünger beschränken. Durch diese Entscheidung werden Agrarkonzernen wie Monsanto und Syngenta, die seit einigen Jahren auch in Bhutan neue Absatzmärkte wittern, klare Absagen erteilt. Die Entscheidung gegen intensivere Landwirtschaft ist nicht unproblematisch: eine stark wachsende Bevölkerung und stetig steigende Nachfrage aus dem naheliegenden Ausland haben schon andere Länder den Verlockungen der Agrarindustrie erliegen lassen. Umso bemerkenswerter ist die veröffentlichte Regierungserklärung Bhutans, in der sie sich auf nationaler Ebene zum biologischen Landbau bekennt. In Bhutan hat man die Abhängigkeit der Menschen von einer intakten Umwelt erkannt und zieht die richtigen Schlüsse. Besser (leider nicht öfter) als aus eigenen Fehlern, lernt man anscheinend doch aus den Fehlern der anderen.

Weitere Informationen zu diesem Thema können auch hier nachgelesen werden.

Einfalt – statt freies Saatgut und Vielfalt

Hässlich, aber schmackhaft! Das ist der Leitspruch der niederländischen Initiative „ugly food“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Image vermeintlich missgeformten Gemüses und Obstes zu verbessern (ähnlich dem tollen Projekt „culinary missfits„). Oft werden Früchte, die sich in Form, Farbe oder Größe von der Norm unterscheiden schon aussortiert, bevor sie überhaupt in den Handel kommen. Geht es nun nach der EU, könnte die Arbeit der Initiative bald deutlich erschwert werden.

Grund ist eine angekündigte Neuregelung des EU-Saatgutrechts (siehe Bericht von der SZ). Entsprechend den Plänen der verantwortlichen Kommission soll bald nur noch von der EU zugelassenes Saatgut in den Umlauf gelangen. Man könnte denken: Endlich wird chemisch behandeltem, pestizidgetränktem oder genmanipuliertem Saatgut die Lizenz zum Wachstum entzogen, aber so einfach ist es nicht. Das Zulassungsverfahren für Saatgut ist langwierig und teuer und leisten können sich das vor allem große Konzerne wie BASF, Monsanto oder Syngenta. Die Folgen sind absehbar: Traditionelle, regional unterschiedliche Sorten verschwinden sukzessive aus Gärten und von Feldern. Vor allem Biobauern die vielfach auf selbst gezüchtetes Saatgut zurückgreifen oder traditionelle Sorten anpflanzen sehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Offensichtlich hat die EU eine andere Vorstellung von Strategien zum Schutz der europäischen Biodiversität. Und vielleicht ist es ja auch nur Zufall, dass die Herangehensweise der EU-Kommission den Wünschen er größten Saatgutkonzerne entgegenkommt. Wer sich weiter informieren will, dem sei ein Beitrag aus der BR-Sendung „Quer“ ans Herz gelegt.

Nicht erst seit der aktuellen Ankündigung der EU mehrt sich auch der Wiederstand gegen das Einheitssaatgut. In Österreich entstand 1990 der Verein Arche Noah, der sich für den Erhalt der Kulturpflanzenvielfalt einsetzt. Neben der Archivierung bedrohter Sorten, vertreibt der Verein auch Saatgut und Pflanzen und sorgt so für deren Rekultivierung. Seit neuestem wird übrigens auch nach Deutschland versendet: http://www.arche-noah.at/etomite/

Herzlicher und kartoffeliger Gruß

Initiativen die sich der bedrohten Vielfalt verschrieben haben findet man aber auch ganz in der Nähe: der Obergrashof in der Nähe von Dachau oder die Gemeinschaftsgärten von „o‘pflanzt is“ mitten in München haben eigene Strategien gegen den Einheitssalat gefunden.

Wer allerdings die unmittelbare Gefahr durch die EU Pläne erkannt halt, sollte sich zudem noch kurz Zeit nehmen und diese Petition unterstützen: http://www.saveourseeds.org/aktionen/werde-aktiv/petition-saatgutverordnung.html

Autos zu Pflugscharen

Autos zu Pflugscharen

In Deutschland wird der Trend zum Urban Gardening oft als alternativer Zeitvertreib für luxusverwöhnte Großstädter, die ihren Kindern endlich zeigen wollen, dass Bohnen gewöhnlich ohne Plastikhülle und Strichcode geerntet werden, herabgespielt. Stadtgärtner in Detroit im US-Bundesstaat Michigan kämpfen allerdings mit ganz anderen Problemen: für Einwohner der ehemaligen Hauptstadt der amerikanischen Automobilindustrie sind gefüllte Supermarktregale voll mit frischem Obst und Gemüse nicht mehr selbstverständlich. Seit mit der Automobilindustrie auch die Arbeitsplätze verschwunden sind, verwahrlosen verlassene Industrieanlagen, öffentliche Gebäude und ehemalige Wohnviertel. Mit dem Abzug zahlungskräftiger Kunden haben auch die meisten Supermarktketten den wenig profitablen Standort Detroit aufgegeben und hinterlassen eine beträchtliche Versorgungslücke, vor allem beim Angebot von frischem Obst und Gemüse. Was bleibt Menschen in der „Food Desert“ anderes übrig als zu ungesunden Fertigprodukten zu greifen? Die Rechnung dafür zahlt jeder selbst: einseitige Ernährung, Fettleibigkeit, Diabetes.

Doch anstatt den Kopf in den Boden zu stecken sind die Bewohner der Stadtviertel dazu übergegangen eben diesen zu bestellen. Insgesamt werden auf der Stadtfläche Detroits mittlerweile 170 Tonnen Lebensmittel produziert. Im besten Fall könnten dadurch 75 Prozent des Gemüsebedarfs und 40 Prozent des Obstbedarfs gedeckt werden. Non-Profit Organisationen, Kirchen und Privatpersonen haben leer stehende Grundstücke zu Stadtgärtnereien umgewandelt. Mit der Rückkehr zur Eigenproduktion entstehen neue, kleinteilige Wirtschaftssysteme, die meistens auf Basis ehrenamtlichen Engagements organisiert werden. Die neuen Kleinstunternehmen verbessern nicht nur die Versorgungssituation in Ihrer Umgebung, vielmehr bringen sie die Bewohner der Stadtviertel zusammen und fördern den sozialen Zusammenhalt. Gemeinsam werden soziale Probleme, von denen es in Detroit eine Menge gibt, in Angriff genommen. Den wenigsten der engagierten Bürger geht es darum Profit zu machen. Sorgen wegen der gegenwärtigen Situation und die Begeisterung sich für eine Lösung einzusetzen sind die stärksten Motivatoren. Genau diese Motivation kennt man Ron Finley an, der aus erster Hand von ähnlichen Problemen, vor allem aber Lösungsansätzen in Los Angeles erzählt: http://embed.ted.com/talks/lang/de/ron_finley_a_guerilla_gardener_in_south_central_la.html . In Detroit sind 185 Organisationen im Bereich der Lebensmittel-Eigenversorgung tätig und es werden ständig mehr. Die meisten von ihnen arbeiten als Sozialunternehmen und übernehmen neben dem Anbau von Obst und Gemüse auch noch weitere Aufgaben, indem sie neue Stadtgärtner ausbilden, Kindern den Umgang mit gesunder Nahrung vermitteln und Obdachlose mit Mahlzeiten versorgen. Die Zeitschrift „Enorm“ widmet dem Thema in der Ausgabe April/Mai mehrere Seiten und auch die Zeit Online verfolgt die Detroiter Entwicklung mit großem Interesse (http://www.zeit.de/lebensart/2011-04/detroit). Allerdings müssen die Probleme nicht erst Detroiter Dimension annehmen um etwas ändern zu können. Auch in Deutschland haben bereits viele Initiativen der Lebensmittelentfremdung den Kampf angesagt. Auf http://www.anstiftung-ertomis.de/opencms/opencms/urbane_landw/links_blogs_foren.html kann jeder selbst nach Initiativen in der eigenen Umgebung suchen. Offensichtlich geht die Detroiter Saat bereits auch an anderen Orten auf.

 

Aufruf zur Revolution – mit dem Kochbuch zu Taste the Waste

Die heutige Jugend revoltiert zu wenig! Dabei gibt es genügend Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Das findet auch Valentin Thurn veröffentlich nach seinem Erfolgsfilm „Taste the Waste“ nun zusammen mit Gundula Oertel die Anleitung für angehende Revolutionäre in Buchform.


http://kochbuch.tastethewaste.com/

Wie schon der Film thematisiert das Buch die ungeheure Lebensmittelverschwendung einer industrialisierten Wegwerfgesellschaft. Auf dem Weg vom Acker bis auf den Teller werden auf jeder Stufe der Erzeugung, Vermarktung und des Konsums Mengen von genießbaren Lebensmitteln „entsorgt“. Dabei sollte uns diese Verschwendung durchaus Sorgen bereiten: Die Hälfte aller erzeugten Lebensmittel, und das sind in Deutschland immerhin bis zu 20 Tonnen täglich, wandert auf den Müll.

Valentin Thurn hat etwas dagegen und nachdem sein Film 2011 große Aufmerksamkeit erregt und eine überfällige Debatte angestoßen hat, liefert er jetzt Anleitungen und weitere Lösungsansätze nach. Das Buch „Taste the Waste – Rezepte und Ideen für Essensretter“ sieht zwar auf den ersten Blick aus wie ein Kochbuch für Weltverbesserer, der Inhalt geht allerdings weit darüber hinaus. Anhand verschiedener Projekte und ihrer Initiatoren zeigen Valentin Thurn und Gundula Oertel, wie die Revolution der Essensretter bereits ins Rollen geraten ist. Dabei verfolgt das Buch weniger den Zweck einer Dokumentation, vielmehr soll es ein Aufruf an die Gesellschaft sein, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen.

Der Spaß an der Revolution soll dabei keinesfalls zu kurz kommen: Vergessenes Wissen, kreative Rezepte und die Wertschätzung auch für letzte Kartoffelschale bieten einige strategische Ansätze für die Essensretter-Guerilla von morgen.