Neue Bauernregeln und alte Fronten

Das Bundesumweltministerium startete letzte Woche eine Kampagne mit neuen Bauernregeln – u.a. „Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.“ oder „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.“

 

Ministerin Barbara Hendricks betont dabei (Rede als Text), wie wichtig die breite Diskussion über eine soziale und ökologische Landwirtschaft ist: 

 

 

Es ist erschreckend, wie Hendricks seitdem angegangen wird. Die Verfechter der chemisch-synthetischen Landwirtschaft sehen rot. Ganz vorne dran der Bauernverband („Schließt der Bauer Hof und Stall, brachten Umweltauflagen ihn zu Fall.“) und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt: „Eine steuerfinanzierte Kampagne, die die Diffamierung eines gesamten Berufsstandes mindestens in Kauf nimmt, gehört meiner Ansicht nach nicht in den Instrumentenkasten guter Regierungskommunikation. Ich fordere Sie auf, die Kampagne sofort zu beenden und sich für den entstandenen Schaden bei den Bäuerinnen und Bauern öffentlich zu entschuldigen.“ – hier die Antwort von Hendricks.

 

In den sozialen Medien haben sich die Trolle der Agrarlobby in Stellung gebracht. Und wir Naivlinge hatten schon fast geglaubt, es gäbe ein Umdenken hin zu zukunftsfähiger Landwirtschaft. Aber eines muss man der Bundesumweltministerin lassen: Die Diskussion ist in Gang gekommen.

Doku „Projekt A“ jetzt als DVD erhältlich

Wer die (preisgekrönte) Doku Projekt A letztes Jahr im Kino verpasst hat, kann sich jetzt die DVD mit super Bonusmaterial bestellen. Die Filmemacher begleiten Menschen im anarchistisch geprägten Stadtviertel Exarchia in Athen, bei Anti-Atomkraft-Aktionen in Deutschland, bei der weltweit größten anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft in Spanien, bei einer katalanischen Kooperative und einer genossenschaftlich organisierten solidarischen Landwirtschaft in München. 


Der Film startete im Februar 2016 in den deutschen Kinos und wurde bisher von knapp 25.000 Zuschauern besucht. Ein toller Erfolg für die unabhängige Low-Budget Produktion. Den beiden Regisseuren war es wichtig, inhaltlich Relevantes qualitativ hochwertig zusammenzustellen und bei der Produktion der DVD auch ökologische Aspekte zu beachten. Viele Themen konnten im Film nur angerissen werden und so liegt der DVD ein 40-seitiges Booklet bei. Neben Texten zum Entstehungsprozess des Film und dem von Horst Stowasser initiierten Projekt A gibt es jeweils ein Kapitel zu den im Film vorgestellten Projekten. Aus den unzähligen Publikumsgesprächen auf der Film-Tour wurden die wichtigsten Fragen zusammengetragen und beantwortet. Des Weiteren gibt es auf der DVD 85 Minuten Bonusmaterial, bestehend aus weiteren Interviews mit den Protagonisten, Musik und zusätzlichen Szenen.

Die Bedrohung durch Machtkonzentration 2017

Konzernatlas 2017

Übernahmen wie von Monsanto durch Bayer oder die Aufteilung der Märkte von Kaiser’s/Tengelmann zwischen Rewe und Edeka sind nur die Spitze des Eisberges. Auf allen Stufen der Lieferkette vom Acker bis zur Ladentheke finden Konzentrationsprozesse mit einer enormen Dynamik statt. Mit dem Konzernatlas 2017 soll eine breit geführte gesellschaftliche Debatte dazu angestoßen werden.

 

> Download als PDF

 

Weiterführende Links:
Spiegel online
Deutschlandfunk
Sonnenseite

10./11.09.2016 Kartoffelkombinat wieder am Streetlife

Die großen Ferien nähern sich dem Ende und so langsam dürften auch die letzten Urlauber unter uns wieder zurück sein. Nach einem schon sehr sehr schönen Tag im Freiluftsupermarkt Freiham letzten Samstag, möchten wir nun den Sommer zusammen mit Euch auf unserem Streetlife-Stand ausklingen lassen.

Kommt also zahlreich vorbei und bringt gute Laune mit – das Wetter wird in jedem Fall besser als im Juni! 🙂

Wann: Samstag 10.09. von 16 – 23 Uhr und Sonntag 11.09. von 11 – 21 Uhr
Wo: zwischen Ludwigskirche und Uni, vor dem Café ader Uni. U3/6: Bahnhof Universität

Und hier noch ein paar Impressionen vom letzten und vorletzten Mal.

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Die ersten Schritte auf dem Weg zu etwas sehr Besonderem …

Ein eigenes Zuhause und eine Basis für alle Kartoffelkombinat-Aktionen zu haben war von Anfang unser ausdrücklicher Wunsch und für unsere zukünftigen Vorhaben ist das eigentlich auch unumgänglich. Denn nur so können wir all das, was wir in den letzten Jahren gemeinsam erreicht haben, auch ausbauen, weiterentwickeln und dem Ganzen ein stabiles Gerüst verleihen. 
Die ersten Schritte auf dem Weg zu etwas sehr Besonderem …

Die ersten Schritte auf dem Weg zu etwas sehr Besonderem …

Mit dem geplanten Kauf eines Betriebs bei Mammendorf, bisher eine (konventionelle) Baumschule, könnte sich nun bald schon unser lang ersehnter Wunsch erfüllen. Denn dann – und mit der Hinzunahme angrenzender Pachtflächen – wären wir z.B. in der Lage, unsere bisherige Eigenanbauquote auf ca. 80 % anzuheben und kommen unserem Ziel, eine unabhängige Versorgungsstruktur aufzubauen, ein großes Stück näher.
 
Es ist und bleibt spannend. Wir werden an dieser Stelle über die kontinuierlichen Fortschritte berichten.

Werde Stammzellen-SpenderIn und rette Leben!

Das Thema ist nicht neu und eigentlich weiß man auch, worum es geht – wie in so vielen Bereichen. Aber wenn plötzlich aus einer abstrakten, weit entfernten Sache etwas wird, wovon man selbst, die Familie oder Bekannte getroffen sind, dann bekommt Leukämie plötzlich einen ganz anderen Stellenwert. Uns erreichte am Freitag folgende Nachricht eines Mitgliedshaushaltes:

Unser Sohn ist seit März an einer akuten Leukämieart T-ALL erkrankt und braucht eine Stammzellenspende. Bis jetzt ist noch kein passender Spender gefunden worden und wir Eltern und seine Schwester kommen leider nicht in Betracht.

leonardoLeonardo braucht jetzt(!) eine Stammzellenspende, aber die individuelle Typisierung als SpenderIn dauert administrativ leider eine gewisse Zeit. Deshalb und auch, weil ein Treffer in unserer 900 Haushalte umfassende Genossenschaft die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen wäre, werden wir ihm wahrscheinlich nicht konkret helfen können.

Aber bitte nehmt diese Situation als Impuls, um individuell über eine Typisierung nachzudenken und damit anderen Kindern zu helfen!*
Freunde der Familie haben für Leonardo und andere Betroffene eine Typisierungsaktion (am 25.06. in Allach) in Kooperation mit der AKB ins Leben gerufen. Den Flyer zu dieser Aktion gibt es hier als PDF..

Mehr Infos auch noch hier:
https://leonardowirdgesund.wordpress.com
https://www.facebook.com/leonardowirdgesund

*) Wer schon in einer Spenderdatenbank ist (z.B. über die DKMS), muss sich nicht erneut typisieren lassen. Die ärztliche Koordinationsstelle fragt die Parameter aller entsprechender Datenbanken ab.

Alles Gute zum 4. Geburtstag

Am vergangenen Wochenende ist die Kartoffelkombinat-Genossenschaft vier Jahre alt geworden. Wir gratulieren uns herzlich! 🙂

Auf der einen Seite ist die Zeit wirklich schnell vergangen, andererseits waren die Wochen und Monate so vollgepackt mit tollen, traurigen, freudigen, frustrierenden oder inspirierenden Momenten, dass es auch schon für acht Jahre reichen würde. Anlässlich unseres Gründungsjahrestages am 30.04. gab es gestern eine 3in1-Veranstaltung:

1.) die AG Integration des Kartoffelkombinat e.V. führte einen Siebdruck-Workshop durch
2.) es gab ein standesgemäßes Geburtstagskuchenkaffeekränzchen
3.) und erneut ein Info-Präsentation der Vorstände zu den spannenden Entwicklungen im Kartoffelkombinat

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Vielen Dank an alle, die mit dabei waren, an die Stadt München für eine passende Location „Kösk“ im Westen und an Benjamin Gerull für die Fotos.

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Der regulatorische Abstand

In der letzten Kartoffelakademie sprach Karl Bär vom Umweltinstitut München über den Regulatorischen Abstand. Was im ersten Moment verdächtig nach „eine Armlänge“ klingt, ist jedoch ein wirklich interessanter Umstand, der eines der Hauptprobleme von TTIP darstellt.

In den Medien wird im Zusammenhang mit dem Freihandelsabkommen gerne exemplarisch das Chlorhühnchen durchs Dorf getrieben. Doch als Bio-KäuferInnen und ggf. Nicht-Huhn-EsserInnen ist man gerne verleitet, sich von derlei chemisch keimfrei gewaschenen Fleischstücken nicht den Appetit verderben zu lassen. Hat ja nichts mit einem selbst zu tun und von tierethischen Aspekten abgesehen, ist es letztlich das Problem von Billigfleischkäufern, oder? Nein, ist es nicht.

Schauen wir uns hierzu das System der Lebensmittelerzeugung an (ist aber in anderen Branchen analog): Die unterste Qualitätsgrenze stellen die rechtlichen Mindestanforderungen dar, welche konkret definiert sind. Dann folgt ein weites Feld, in dem sich die zahlreichen konventionellen Marken tummeln und in dem jeder Hersteller eigene Qualitätskriterien für sich formulieren kann. Zusätzlich gibt es EG-Bio, mit ebenfalls klar festgelegten Kriterien und darüber kommen die Anbauverbände wie Naturland, Bioland oder demeter. Darüber hinaus können noch regionale und/oder saisonale Aspekte eine Rolle spielen. Allgemein kann davon ausgegangen werden, dass eine bessere Qualität das Ergebnis von höherem Aufwand in der Erzeugung ist. D.h. je weiter man auf der Qualitätsskala nach oben kommt, desto teurer werden die Produkte.

regulatorischer Abstand

Regulierte Erzeugung – hinzu kommen z.B. noch Regionalität und/oder Saisonalität

Die rechtlichen Definitionen, die wie gesagt zum einen die Mindestkriterien und zum anderen die Bio-Level regulieren, sind aber nicht in Stein gemeißelt. Derjenige konventionelle Hersteller, der sich unten gerade noch am legalen Limit bewegt, kann am billigsten produzieren und hat ein großes Interesse an einer Deregulierung dieser rechtlichen Bedingungen, um noch billiger zu erzeugen. So weit, so klar – zurück zum Chlorhuhn: Wenn ich am Ende mein Fleisch keimfrei im Desinfektionsbad waschen darf, kann ich in den vorgelagerten Prozessen weniger Wert auf Hygiene und Sorgfalt legen. Ergo wird die Produktion billiger. Der Abstand vom untersten Limit zu den nächsten Levels wird dadurch größer. Je weiter nun die Preise für konventionelle Produkte von deren Bio-Varianten entfernt sind, desto geringer wird im Gegenzug die Bereitschaft „des Konsumenten“ den hohen Mehrpreis für Biolebensmittel zu bezahlen.

Diesen regulatorischen Abstand möchte die Industrie, die EU und die USA so groß wie möglich haben bzw. die rechtliche Grenze nach unten verschieben – da ist man sich einig. Und schon ist das Chlorhuhn auch ein Problem für alle, die sowas zwar nicht essen, sich aber generell den Ausbau von Ökolandbau, faire Arbeitsbedingungen verantwortungsbewusste Unternehmen wünschen. Insoweit hat die IHK Bayern (Zitat: „Die Verhandlungen dürfen nicht zu früh von wirtschaftsfremden Themen, wie z.B. vom Verbraucherschutz, überlagert werden.“) schon Recht – es geht um viel mehr als nur um Chlorhühner.

Wir sind endlich Gemeinwohlökonomie zertifiziert!

Gemeinwohlökonomie-Bilanzkonferenz

Es ist vollbracht: Am 03.02.2016 bekamen wir unser offizielles Testat. Bis dahin war es ein langer Weg. Mit der Verabschiedung unseres Leitbildes hatten wir ja festgelegt, dass wir mit dem Kartoffelkombinat auch politische Ziele verfolgen und dabei explizit genannt:

  • Zukunftsfähiges, an langfristigen Zielen orientiertes Wirtschaften
  • Nachhaltigkeit
  • Generationengerechtigkeit
  • Faire Entlohnung

Natürlich muss ein Unternehmen vor allem seine betriebswirtschaftlichen Kennzahlen im Blick und im Griff haben. Gerade eine Genossenschaft, die mit dem Ersparten ihrer Mitglieder operiert, muss das. Schließlich wollen wir ja keine Verluste einfahren. Eine Genossenschaft ist dabei per definitionem nicht gewinnorientiert, sondern sie orientiert sich am Wohle ihrer Mitglieder. Und das Wohl der Mitglieder steht auch beim Kartoffelkombinat an erster Stelle. Aber gemäß unserem politischen Anspruch ist das zwar „notwendig aber nicht hinreichend“. Wir wollen auch einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten.

Und wenn man so etwas sagt, muss man sich ja auch daran messen lassen. Kann man denn so etwas messen? Ja, man kann! Die von Christian Felber gegründete Bewegung der Gemeinwohlökonomie (GWÖ) hat eine Methode entwickelt, wonach Unternehmen – neben den Finanzkennzahlen, die man selbstverständlich nachwievor braucht – auch daran gemessen werden, welchen Beitrag sie zum Gemeinwohl leisten. Auf volkswirtschaftlicher Ebene hat sich die GWÖ u.a. als Vision zum Ziel gesetzt, steuerliche und finanzielle Anreize für gemeinwohlorientiertes Wirtschaften zu bieten (z.B. günstigere Zinsen und geringere Steuern). Jetzt wird sicher so mancher sagen: Ist das nicht naiv, dass ein Unternehmen einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten soll? Nun, wer so denkt, sollte mal einen Blick in unsere Verfassung werfen. In der Verfassung des Freistaates Bayern heißt es im Artikel 151 (1): „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl…“. Und die GWÖ sagt: „Dann lasst uns das doch mal ernst nehmen.“

Dabei verfolgt die GWÖ folgende Ziele:

Eckpunkte der GWÖ (Auswahl)

  1. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist der Aufbruch zu einer ethischen Marktwirtschaft, deren Ziel nicht die Vermehrung von Geldkapital ist, sondern das gute Leben für alle.
  2. Sie setzt die Menschenwürde, die Menschenrechte und die ökologische Verantwortung als Gemeinwohlwerte auch in der Wirtschaft um.
  3. Wie diese Werte im unternehmerischen Alltag gelebt werden können, zeigt die Gemeinwohl-Matrix. Sie wird laufend weiterentwickelt und soll demokratisch entschieden werden.
  4. Anhand der Matrix erstellen die Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz. Im Gemeinwohl-Bericht erklären sie die Umsetzung der Gemeinwohlwerte sowie ihr Entwicklungspotential und nehmen eine Bewertung vor. Bericht und Bilanz werden extern überprüft und veröffentlicht. Damit werden die Leistungen für das Gemeinwohl bekannt gemacht.

In München haben sich im Herbst 2014 vier Unternehmen (Impact Hub Munich GmbH, Talents4Good GmbH, Polarstern GmbH und das Kartoffelkombinat eG) auf den Weg gemacht, einen Gemeinwohl-Bericht zu erstellen. Da das gemeinsam besser geht als alleine, haben sie sich zu einer sogenannten Peer Group zusammen getan. In der Peer Group beurteilen und bewerten die Mitglieder ihre Kapitel der GWÖ-Bilanz gegenseitig. Begleitet wird der Prozess durch einen externen GWÖ-Berater (unser Berater war Nikolaus Teixeira).

Der Prozess und das Gesamtergebnis werden dann noch durch eine Auditorin der GWÖ-Bewegung evaluiert. Für das Kartoffelkombinat hat eine kleine Arbeitsgruppe bestehend aus dem Mitglied Jürgen Müller und dem Aufsichtsrat Dr. Horst Bokelmann den Gemeinwohl-Bericht erarbeitet. Die einzelnen Kapitel des Berichtes folgen dabei der sogenannten Gemeinwohlmatrix. Zum besseren Verständnis dieses Artikels, des Gemeinwohl-Berichts und der GWÖ allgemein ist es sinnvoll, sich diese Matrix einmal anzuschauen.

Über die gesamte Wertschöpfungskette (in GWÖ-Sprech: Berührungsgruppen) erfolgt eine Bewertung über die Zusammenarbeit mit den Lieferanten, Geldgebern, Mitarbeitern inklusive Eigentümern und den Kunden sowie über die Ausstrahlung in das gesellschaftliche Umfeld.

Die Beurteilung erfolgt anhand der Werte der GWÖ:

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Um es an einem Beispiel klar zu machen: In der Berührungsgruppe „Mitarbeiter“ wird der Wert „Solidarität“ gemessen am Indikator „Gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit“ mit den Unterpunkten „Abbau von Überstunden“ … „Beitrag zur Reduktion der Arbeitslosigkeit“. Die Erarbeitung des Berichts und die Diskussion in der Gruppe waren schon ein wenig aufwändig (ca. 300 Stunden). Aber es hat sich auch gelohnt und es hat auch Spaß gemacht. Uns hat es noch einmal vor Augen geführt, was wir in 3,5 Jahren Kartoffelkombinat schon alles erreicht haben. Manchmal geht das in der operativen Alltagshektik ein wenig verloren.

Beispielweise ist ein Indikator der GWÖ-Bilanz der Umgang mit Lieferanten. Wer in der Januar-Ausgabe der Kartoffelakademie dabei war, konnte live erleben, wie unser Kartoffelbauer Knoll über die Zusammenarbeit mit dem Kartoffelkombinat berichtet hat. Aus dem in der normalen Wirtschaft üblichen Kunden-Lieferanten-Verhältnis ist in unserer Zusammenarbeit eine freundschaftliche Partnerschaft geworden, in der man sich gegenseitig hilft, wenn es mal klemmt. Andererseits verlangt die GWÖ, dass man sich auch mit den internen Prozessen des Partners auseinandersetzt. Orientiert er sich neben der ökologischen Nachhaltigkeit auch an den Werten „Soziale Gerechtigkeit“ und „Mitbestimmung & Transparenz“? Konkret: Hält er alle arbeitsrechtlichen Bestimmungen ein? Zahlt er faire Löhne? Zahlt er die rechtlichen Abgaben korrekt? usw.

Das hat uns vor Augen geführt, dass wir in der Zusammenarbeit mit einer „normalen Gärtnerei“ durchaus auf Probleme stoßen. In unserem GWÖ-Bericht heißt es dazu:

Ein weiteres Defizit der gewinnorientierten Gärtnereien ist die für uns nicht ausreichende Transparenz, durch die sich das Geschäftsgebaren dieser Betriebe auszeichnet.

Diese Defizite der landwirtschaftlichen Betriebe sind überwiegend mit deren Struktur als eigentümergeführte Einzelunternehmen begründbar.

Unsere konsequent ökologische, regionale und saisonale Ausrichtung ist dagegen auch nach GWÖ-Kriterien vorbildlich: 

Alle Gemüselieferanten sind Naturland- oder Demeterzertifiziert, beliefern uns ausschließlich mit saisonalen Produkten aus eigenem Anbau und sind im Umkreis von maximal 100 km um München angesiedelt.

Bei dem Indikator „Ethisches Finanzmanagement“ konnten wir natürlich mit unserem Partner der GLS-Bank gut „punkten“:

Die Gründer des Kartoffelkombinats haben sich bei der Gründung entschieden, für alle Finanzdienstleistungen ausschließlich einen ethisch-nachhaltigen Dienstleister in Anspruch zu nehmen. Dieser Anspruch wurde vollständig umgesetzt. Mit der GLS Bank verbindet uns eine enge partnerschaftliche Beziehung. So wurde das Kartoffelkombinat bereits mehrfach auf den Veranstaltungen der GLS Bank als „Musterprojekt“ vorgestellt. Unsere Geschäftsguthaben und auch die Genossenschaftseinlagen unserer Mitglieder sind auf normalen Geschäftskonten bei der GLS Bank angelegt. Wir betreiben kein gewinnorientiertes Finanzmanagement.

Das Kartoffelkombinat wird „behutsam“ und nachhaltig finanziert aufgebaut. Derzeit haben wir kein Fremdkapital aufgenommen.

Bei etlichen Indikatoren war es für uns sehr hilfreich, dass wir ein Leitbild erarbeitet, verabschiedet und bereits weitgehend umgesetzt haben, aus dem wir häufig zitieren konnten. So konnten wir zum Indikator „Entgeltpolitik“ aus dem Leitbild übernehmen:

„Die Mitarbeiter sollen für ihre Arbeit nach unseren solidarischen Ansprüchen fair entlohnt werden (d.h. deutlich über den diskutierten gesetzlichen Mindestlöhnen). Hauptberufliche Kräfte sollen von ihrem Arbeitsentgelt leben können und Beschäftigungsverhältnisse mit persönlicher Planungssicherheit haben. Für die Umsetzung des Modells brauchen wir gute und hochmotivierte Mitarbeiter. Dafür wollen wir die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.“

Aber es zeigt sich dabei auch, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen:

Die Aufbauphase unseres Unternehmens, in der wir uns immer noch befinden, wäre ohne das Engagement ehrenamtlicher und ohne die z.T. unentgeltliche Mehrarbeit der ersten Beschäftigten nicht möglich. Auf die ehrenamtlichen Beiträge können und wollen wir nicht verzichten, da dadurch die Gemeinschaft und der Bezug zur Gärtnerei gefördert wird.

Es ist jedoch erklärtes und durch den Aufsichtsrat vorgegebenes Ziel, die unentgeltliche Mehrarbeit der Beschäftigten schnellstmöglich in einen „Normalzustand“ zu überführen. Dazu wurden – wie schon beschrieben – die Verträge der Minijobber nach Möglichkeit und Wunsch in unbefristete Arbeitsverträge umgewandelt und die Bezahlung der Vorstände schrittweise an das Zielniveau herangeführt.

Die derzeit noch zu hohe zeitliche Belastung der Vorstände muss ebenfalls deutlich reduziert werden.

Die von der GWÖ geforderte Transparenz haben wir hingegen in vielerlei Hinsicht umgesetzt:

Die gewählte Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft erfordert bereits ein hohes Maß an Transparenz. So wird z.B. der Jahresabschluss geprüft und veröffentlicht. Mitglieder und Mitarbeiter erhalten direkte Informationen über die Gewinn- und Verlustrechnung, die Bilanz sowie über die Finanzplanungen für die kommenden Jahre. Vor wichtigen Entscheidungen (z.B. Pachtvertrag) wird die zugrunde liegende Kalkulation mit den Mitarbeitern mit Einsicht in alle Daten (inklusive der internen Kostenrechnung) besprochen.

In unserem internen Forum haben Mitglieder und Mitarbeiter direkten Zugriff auf die wichtigsten Dokumente der Genossenschaft (Satzung, Leitbild, Geschäftsordnung von Vorstand und Aufsichtsrat, Protokolle der Generalversammlung, Ergebnisse der Mitgliederzufriedenheitsanalysen). Zu wichtigen Themen finden hier auch Umfragen (z.B.: Annahme einer Spende eines Unternehmens) und Diskussionen (z.B.: “Wie politisch soll das Kartoffelkombinat sein?”) statt.

Zum Indikator „Ökologische Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen“ konnten wir beispielsweise den Stand unserer Bemühungen, den Plastikaufwand zu reduzieren, darstellen:

Verringerung des Verpackungsaufwandes – die Auslieferung erfolgt in Kunststoffmehrwegkisten. Durch einige Projekte konnten wir den Einsatz zusätzlicher Verpackungen immer weiter reduzieren. Z.B.: 

  • Verzicht auf die branchenüblichen Plastikfolien zur Kistenabdeckung (30.000 Folien/a Einsparung)
  • Reduzierung der zusätzlichen Verpackung von empfindlichem  Gemüse in Plastiktüten um ca. 50% (Einsparung von 30.000 Tüten/a)

Derzeit verwenden wir noch 30.000 Tüten für besonders empfindliches Gemüse und für Gemüse mit losen Blättern (Rucola, Feldsalat, Postelein). Wir untersuchen derzeit mehrere Alternativen, von denen etliche wegen der Hygienevorschriften oder wegen einer insgesamt gesehen schlechteren Ökobilanz ausscheiden. Im Test sind gerade wiederverwertbare Baumwolltücher.

Und unter Berührungsgruppe „Gesellschaftliches Umfeld“ haben wir zum Thema „Transparenz und Mitbestimmung“ das Miteinander in der Genossenschaft beschrieben:

Wir streben an, dass alle unsere „Stakeholder“ (Mitarbeiter, Lieferanten, Interessenten) Mitglieder unserer Genossenschaft werden. Wir haben dafür eine Fördermitgliedschaft geschaffen. Der Förderbeitrag wurde dabei bewusst niedrig gehalten (derzeit 30 € /a), damit der Beitrag kein Beitrittshemmnis darstellt. Dabei üben wir jedoch keinerlei Zwang auf z.B. unsere Mitarbeiter aus, die Mitgliedschaft ist freiwillig. Für die Bezieher unserer Gemüsekiste ist der Beitritt zur Genossenschaft, nach einer festgelegten Testphase, jedoch zwingend. Alle Mitglieder haben dabei grundsätzlich – im Rahmen gewisser satzungsgemäßer Verhältniseinschränkungen – die gleichen Rechte und Pflichten. Damit ist gewährleistet, dass alle Berührungsgruppen in die Entscheidungen des Unternehmens eingebunden sind (z.B. durch Teilnahme an den Generalversammlungen). 

Alle Mitglieder haben auch Zugriff auf unser internes Forum und können sich somit vollumfänglich über unser Unternehmen informieren und sich an Diskussionen beteiligen. Zu den wichtigsten Unternehmensentscheidungen (Leitbild, Struktur- und Organisation, Anbauplanung) sind Arbeitsgruppen eingerichtet, an denen sich alle Mitglieder beteiligen können.

Mit dem Testat ist natürlich auch eine Bewertung verbunden. Dabei werden die einzelnen Indikatoren nach ihrer Bedeutung gewichtet und der Zielerreichungsgrad bewertet.

Ein „ideales Unternehmen“, das es natürlich nicht gibt, käme dabei auf die maximal mögliche Bewertung mit 1000 Punkten. Ein Unternehmen, das gerade die gesetzlichen Bestimmungen einhält und ansonsten keinerlei Ambitionen zeigt, käme auf 0 Punkte.

Bisher als gut bewertete Unternehmen haben z.B. folgende Werte erreicht: die Sparda-Bank 559 Punkte, die TAZ 395 Punkte und VAUDE SPORT 502 Punkte. Das Kartoffelkombinat hat 712 Punkte geschafft! Das gesamte Testat könnt Ihr Euch per Klick auf die Grafik ansehen:

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Wir wollen die Punktezählerei nicht zu ernst nehmen, denn der Prozess der Durchleuchtung des Unternehmens und die stetige Verbesserung sind wichtiger als die konkrete Punktzahl. Gleichwohl sind wir schon ein wenig stolz auf das, was wir erreicht haben. Und dazu haben wir alle einen Beitrag geleistet: Die Mitglieder und Mitarbeiter der Genossenschaft, die vielen ehrenamtlichen Helfer und unsere landwirtschaftlichen Partner sowie die vielen Freunde unserer Genossenschaft, die uns in vielerlei Hinsicht unterstützt haben. Vielen Dank an Euch alle!

> Den gesamten Bericht könnt Ihr Euch hier ansehen und herunter laden.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir wollen dazu beitragen, den GWÖ-Gedanken weiter zu verbreiten und mit unserer positiven Erfahrung andere Unternehmen dazu bewegen, diesen Schritt ebenfalls zu wagen. Dazu sind wir als Kartoffelkombinat und das Bearbeitungsteam Jürgen Müller und Horst Bokelmann als Privatpersonen dem neugegründeten Verein Gemeinwohl-Ökonomie Bayern e.V. beigetreten. Über die Aktivitäten des Vereins werden wir Euch auf dem Laufenden halten.

Und nach zwei Jahren müssen und wollen wir das Audit wiederholen. Nach den Regularien wird das dann ein Einzelaudit mit einem externen Auditor sein.

Was ist ein Ernährungsrat?

Dieses Video von Taste of Heimat und dem INKOTA-Netzwerk erklärt in zwei Minuten, was Ernährungsräte sind und warum wir sie brauchen:

Wir halten Ernährungsräte für potentiell sehr gut geeignet, starke regionale Impulse zu setzen. Zumindest ist das in den USA, Kanada oder z.B. London mit den food policy councils gelungen.