Aufruf zur Revolution – mit dem Kochbuch zu Taste the Waste

Die heutige Jugend revoltiert zu wenig! Dabei gibt es genügend Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Das findet auch Valentin Thurn veröffentlich nach seinem Erfolgsfilm „Taste the Waste“ nun zusammen mit Gundula Oertel die Anleitung für angehende Revolutionäre in Buchform.


http://kochbuch.tastethewaste.com/

Wie schon der Film thematisiert das Buch die ungeheure Lebensmittelverschwendung einer industrialisierten Wegwerfgesellschaft. Auf dem Weg vom Acker bis auf den Teller werden auf jeder Stufe der Erzeugung, Vermarktung und des Konsums Mengen von genießbaren Lebensmitteln „entsorgt“. Dabei sollte uns diese Verschwendung durchaus Sorgen bereiten: Die Hälfte aller erzeugten Lebensmittel, und das sind in Deutschland immerhin bis zu 20 Tonnen täglich, wandert auf den Müll.

Valentin Thurn hat etwas dagegen und nachdem sein Film 2011 große Aufmerksamkeit erregt und eine überfällige Debatte angestoßen hat, liefert er jetzt Anleitungen und weitere Lösungsansätze nach. Das Buch „Taste the Waste – Rezepte und Ideen für Essensretter“ sieht zwar auf den ersten Blick aus wie ein Kochbuch für Weltverbesserer, der Inhalt geht allerdings weit darüber hinaus. Anhand verschiedener Projekte und ihrer Initiatoren zeigen Valentin Thurn und Gundula Oertel, wie die Revolution der Essensretter bereits ins Rollen geraten ist. Dabei verfolgt das Buch weniger den Zweck einer Dokumentation, vielmehr soll es ein Aufruf an die Gesellschaft sein, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen.

Der Spaß an der Revolution soll dabei keinesfalls zu kurz kommen: Vergessenes Wissen, kreative Rezepte und die Wertschätzung auch für letzte Kartoffelschale bieten einige strategische Ansätze für die Essensretter-Guerilla von morgen.

Der Resterechner – Lebensmittelverschwendung veranschaulicht

Wer kennt ihn nicht, den sonntäglichen Blick in den Kühlschrank, nachdem man samstags vergessen hat, einkaufen zu gehen. Man öffnet die Kühlschranktür und die Leere gähnt einem entgegen. Nichts drin außer Licht und Ketchup. Doch halt! In die hinterste Ecke ge- bzw. verdrängt steht noch ein Becher Joghurt. Fettarm, 200g. Juhu, Frühstück!

Der Magen schlägt schon Purzelbäume vor Glück. Reflexartig blickt man auf das Haltbarkeitsdatum und da folgt auch schon die Ernüchterung. Haltbar bis: vor 4 Tagen. Sofort malt sich das Gehirn Schreckensszenarien aus, in denen uns beim Öffnen des Joghurtbechers kleine grüne Schimmelmonster entgegenspringen und uns den Finger abbeißen. In seiner Panik überliest es das Wörtchen „mindestens“ und unser Überlebensinstinkt sorgt dafür, dass der Becher sofort im Müll landet.

Ein bisschen schlecht fühlt man sich danach schon, schließlich hat man gerade Essen weggeworfen. Über die Verwerflichkeit von Nahrungsmittelverschwendung ist man sich in Zeiten der allgegenwärtigen „Brot für die Welt“-Poster ja eh bewusst. Uns aber oft nicht bewusst ist, dass Verschwendung von Nahrungsmitteln nicht nur Verschwendung einer wertvollen Ressource ist, zu der nicht jeder ausreichend Zugang hat. Sie ist auch eine Verschwendung von Energie. Die vom Bundesverband Verbraucherinitiative e.V. im Januar 2012 ins Leben gerufenen Internetseite resterechner.de veranschaulicht, wie viel Energie für Herstellung und Transport, Lagerung und Verkauf eines bestimmten Lebensmittels benötigt wird – und rechnet diese nicht in abstrakte Kilowattstunden um, sondern in Einheiten wie „Musik hören“, „Aquarium betreiben“, „im Internet surfen“ oder „Hemden bügeln“.

Screenshot resterechner.de

Screenshot resterechner.de

 

Nebenbei zeigt der Rechner auch an, wie viel Geld mit dem weggeworfenen Lebensmittel in die Tonne wandert, aber das wird bei den erstaunlichen Ergebnissen des Energierechners fast zur Nebensache. Mit der Energie eines weggeworfenen Joghurts kann ein Praktikant seinem Chef zum Beispiel 16,20 Tassen Kaffee kochen. Und für einen in den Ausguss gekippten Liter Milch könnte man 66,9 Stunden lang fernsehen, sich also den Film „Milk“ 31,3 mal anschauen. Schockierende Ergebnisse, fand ich, und habe einen Link zum Resterechner an den Kühlschrank meiner WG gehängt. Seitdem habe ich nie wieder einen vollen Joghurtbecher im Mülleimer gesehen.

Auch in diesem Zusammenhang wieder empfehlenswert:

Kartoffelkombinat: Das Projekt beginnt

Corinna hat uns einen Text über die erste Testwoche geschickt, den wir Euch nicht vorenthalten möchten:

So kann es nicht weiter gehen! Daran muss sich etwas ändern! Ich muss etwas ändern!“,…geht es mir durch den Kopf, als ich mir im Hebst letzten Jahres zusammen mit Freunden den Film ‘Taste the Waste‘ im Kino ansehe. „Bereits bei der Kartoffelernte werden 40 bis 50 Prozent der Kartoffeln aussortiert, nur weil sie nicht dem Schönheitsideal entsprechen? Scanner kontrollieren, ob Tomaten die richtige Farbe haben, um im Handel statt im Müll zu landen? Ich werde nur noch krumme Zucchini kaufen!“ Na ja, nur dass es die eben gar nicht erst im Supermarkt gibt …

Doch der Firm zeigt auch Beispiele, wie man gegen die Lebensmittelverschwendung angehen kann. Von den Mülltauchern bin ich zwar angetan, kann mir aber nicht vorstellen, selbst in die großen Mülltonnen im Hinterhof von Edeka, Rewe und Co. zu steigen, um mir dort mein Mittagessen zu sichern. Besonders ansprechend finde ich dagegen die Idee, Anteilseigner bei einer Biofarm zu werden und meinen Ernteanteil an einem bestimmten Ort in meiner Stadt abzuholen. Blöd nur, dass ich in München wohne, wo eine derartige Community Supported Agriculture (CSA) noch nicht existiert. Bleibt noch die eigene Idee mit dem Pachten eines Krautgartens, die dann aber leider aus Zeitmangel wieder verworfen werden muss.

Nur wenige Tage nach meinem Kinobesuch stoße ich in Jeremy Rifkins Buch „Die dritte industrielle Revolution“ wieder auf das CSA-Geschäftsmodell. „Seine wachsende Beliebtheit reflektiert ein zunehmendes Verbraucherbewusstsein, das auch die Einsicht einschließt, die eigene Klimabilanz verbessern zu müssen. Man erreicht das durch die Eliminierung petrochemischer Kunstdünger und Pestizide und den Wegfall der beim Transport von Nahrungsmitteln über Ozeane und Kontinente anfallenden CO2-Emissionen. (…) Wie so viele andere neue, kollaborative Praktiken, die sich in allen gewerblichen Sektoren ausbreiten, kann diese neue laterale Wirtschaftlichkeit dem traditionellen, zentralisierten Ansatz – dem Aufbau riesiger Unternehmen mit vertikalen Größenvorteilen und hierarchisch organisierter Geschäftstätigkeit – durchaus Paroli bieten“, so der Autor.

Ich finde es wird Zeit, dass es eine CSA auch in München gibt!

Hallo zusammen, hier könnt Ihr mein neues Projekt verfolgen“, lese ich ein paar Wochen später auf meiner Startseite bei Facebook. Absender ist Freund Simon. Ich folge dem Link und bin platt. Sofort steht für mich fest: Ich bin dabei!

Ich möchte Mitglied des Kartoffelkombinats  werden und damit Anteilseigner von frischem, regionalem, saisonalem Ökogemüse, bei dem es auf den Geschmack ankommt und nicht auf Form, Farbe oder Gewicht.

Und heute ist es nun soweit. Die Testphase beginnt und ich bin gespannt und freue mich auf die erste Lebensmittelkiste, die zu Hause auf mich wartet.

Einen guten Appetit wünscht
Corinna

Liebe Corinna, vielen Dank für die Schilderung und schön, dass Du mit dabei bist 🙂

Gründung, der „Taste the Waste“-Valentin und die Testphase

Leute, Leute … das ist aber auch eine verzwickte Sache mit der Zeit und der Berichterstattung. So viel ist passiert und so wenig haben wir darüber berichtet und auch jetzt fassen wir uns kurz.

Also, die Gründungsversammlung unserer Genossenschaft hat letzte Woche am Montag stattgefunden, seit dem sind Simon und ich sehr glücklich und stolz ein wirklich tolles Team zu haben, dessen Mitglieder nicht nur inspiriert sind, sondern wirklich etwas anschieben möchten. Vielleicht leiden wir an größenwahnsinniger Selbstüberschätzung, doch es lässt sich bereits jetzt erahnen: das Kartoffelkombinat wird gut!

Mehr zur Gründung und den tollen Leuten um uns herum, gibt es demnächst, denn jetzt müssen wir Euch noch von einer Begegnung mit Valentin von Thurn erzählen. Seinen Film „Taste the Waste“ hatten wir Euch hier wärmstens empfohlen, da er letztlich einer der Schlüsselimpulse für den Start des Kombinats war. Um so geehrter fühlten wir uns, als Valentin von sich aus auf uns zu kam, um mehr über uns und das Projekt zu erfahren. Nach einem ersten Telefonat war klar, wir sind auf einer Wellenlänge und er möchte eventuell einen Bericht über uns machen. So verbrachten wir einen gemeinsamen Vormittag bei Sigi, sprachen viel über die Vorüberlegungen und Hintergründe unserer kleinen solidarischen Landwirtschaft und die vielen Ideen, welche wir noch umsetzen wollen werden. Ein paar Impressionen von unserem Treffen haben wir bei Facebook festgehalten und einfach eine Minute aus dem Stehgreif auf Film festgehalten:

Damit’s jetzt – wie einleitend geschrieben – nicht zu lang wird, berichten wir Euch morgen von dem Start der Testphase gestern … also dann vorgestern, weil heute morgen ja dann gestern ist … wie auch immer – hier schon mal ein Foto zur Einstimmung:

Preisfrage: Was ist das?

Preisfrage: Was ist das?

wie alles anfing …

Mit diesem Eintrag starten wir unser kontinuierliches Tagebuch, in das wir jedoch nicht täglich etwas schreiben werden – darum müsste es eigentlich „Immermalwiederbuch“ heißen.
Die Kategorie „Tagebuch“ dient als Artikelfilter, hier Ihr könnt die Tagebucheinträge auf der Kategorieseite im Überblick nachverfolgen.

Wie alles anfing …

Durch meine Initiative Stadtimker.de beschäftige ich mich unter anderem mit den jahreszeitlichen Besonderheiten und der gefühlten Unabhängigkeit von diesen durch unseren vermeintlich modernen Lebensstil.
Je tiefer ich im vergangenen Jahr in diese Thematik eingestiegen bin, um so deutlicher wurde mir, was direkt vor unserer Haustüre schiefläuft. Zusammengefasst:

  • Wir sind entkoppelt von den Abläufen der Natur (Spargel aus Peru zum Weihnachtsmahl) – was extreme Energieverschwendung bedeutet und in vielerlei Hinsicht massive, negative Folgen nach sich zieht.
  • Verstehen die Zusammenhänge nicht mehr (oder wusstest Du, dass rund die Hälfte unserer Lebensmittel – bis zu 20 Millionen Tonnen allein in Deutschland – im Müll landet? Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden, bevor es überhaupt unseren Esstisch erreicht: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot -> mehr Info auf der Website von „Taste the Waste“).
  • Zerstören unseren ursprünglichen Lebensraum (siehe hier).
  • Machen uns zu 100% abhängig von einer globalisierten Versorgung (kleines Gedankenexperiment: wie würdest Du Dich ernähren, wenn die Supermärkte – aus welchen Gründen auch immer – einfach mal zwei Wochen geschlossen hätten?).

Im Sommer 2011 entwickelte sich dann die Idee einer Webplattform, die nach einer „ich suche“ / „ich biete“ Logik, PLZ-bezogen Biolebensmittel-Produzenten und Haushalte zusammenbringt. So sollten mehr Menschen Zugang zu den Produkten aus ihrer Region bekommen und die regionalen Versorgungsstrukturen gestärkt werden.

Mit einer handvoll Leuten besprach ich diesen Gedanken und bekam immer die Rückmeldung: ist zu technisch, muss persönlicher sein. Also recherchierte ich erstmal, was es in den unendlichen Weiten des Internets schon gibt, stieß auf tolle Projekte wie z.B. ortoloco, die park slope food coop oder auch das Portal Solidarische Landwirtschaft. Zum ersten Mal begegnete mir der Begriff CSA, also die Community Supported Agriculture – hierzu kann ich diesen wunderbaren Film „Farmer John“ empfehlen:

Die Idee einer technischen Plattform erschien immer unpassender. Mit Siggi Fuchs gab es in München bereits einen CSA-Gärtner, mit der Biokiste auch schon einen Lieferservice – aber was es noch nicht gab, ist ein Projekt, dass die generelle Versorgung mit regionalen und saisonalen Produkten anstrebt – wenn man so will, eine simulierte Dorfgemeinschaft … und kann es Zufall sein, dass es immer heißt „München ist ein Dorf“?

In den nächsten Tagen schreiben wir Euch, was bisher geschah …